Film

Obdachlosen die Haare schneiden – Coiffeuse Anna Tschannen im Interview

«Werde oft gefragt, ob ich mich nicht ekle»: Anna Tschannen – Filmstill aus «Im Spiegel».

Seit zwölf Jahren schneidet Anna Tschannen Menschen ohne festen Wohnsitz die Haare. Der bz erzählt sie, warum.

Anna Tschannen, wie sind Sie auf die Idee gekommen, sogenannt «randständigen» Menschen die Haare zu schneiden?

Anna Tschannen: Ich habe immer selbstständig und unabhängig gearbeitet. Daher habe ich an ganz unterschiedlichen Plätzen Haare geschnitten. Die Galerie im Café Mitte war so ein Ort. Dort schnitt ich einmal dem Leiter der Heroinabgabestelle die Haare. Und da fragte ich ihn spontan, ob ich bei ihm zum Schneiden vorbeikommen könnte. Er hat zugesagt und so nahm alles seinen Lauf.

Was passiert mit Menschen, wenn sie einen Haarschnitt bekommen?

Veränderung. Es ist zwar eine kleine Veränderung, aber es ist eine. Manchmal ist es nicht mehr als einfach nur ein Haarschnitt. Und manchmal kommt den Leuten plötzlich eine alte Erinnerung an sich selbst. Ich sehe jeweils den Blick, wenn sie sich im Spiegel betrachten, nachdem ich ihnen die Haare geschnitten habe. Dieser Moment gefällt mir immer sehr. Vielleicht hilft es einem auch, eine neue Seite an sich zu entdecken.

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Brauchen die Leute dazu nicht sehr viel Vertrauen?

Sie brauchen Vertrauen und auch Mut, um sich hinzusetzen. Das habe ich auch zu Beginn der Aufnahmen zum Film «Im Spiegel» gemerkt. Viele, die ich gefragt habe, ob sie sich beim Haare schneiden filmen lassen würden, haben abgelehnt und meinten, dass sie in ihrer Situation sicher nicht gefilmt werden wollen. Mit der Zeit haben uns diejenigen, die mitgemacht haben, dann aber wirklich vertraut.

Hatten Sie selbst nie Berührungsängste?

Ich habe keine Mühe damit, Menschen nahe zu kommen. Es mag auch damit zu tun haben, dass ich tanze. Beim Tanzen geht es oft um Berührungen und Nähe. Aber als ich schwanger war, gab es schon auch Momente, wo zum Beispiel jemand wirklich stark roch und ich dann merkte: Das ist mir jetzt zu viel. Viele geben sich auch Mühe, dass sie nicht riechen. Aber ich werde oft gefragt, ob ich mich nie ekle.

Und?

Ab und zu sage ich auch mal jemandem, du musst dir zuerst die Haare waschen. Oder ich schneide einfach schneller (lacht).

Was denken Sie: Wieso machen viele einen grossen Bogen um Obdachlose?

Ich denke, das hat sicher ein Stück weit mit Angst und viel mit einem selbst zu tun. Ich glaube, diese Personen halten einem einen Spiegel vor und zeigen die eigenen Abgründe auf.

Nach all den Geschichten und Schicksalen, die Sie gehört haben, würden Sie sagen, Armut kann jeden treffen?

Grundsätzlich ist jeder Mensch und jede Geschichte anders. Aber gleichzeitig glaube ich: Wenn dir ein soziales Netz fehlt, nachdem du eine Lebenskrise hattest – dann ist das schon sehr schwierig. Das merke ich auch bei mir, wie wichtig es für mich ist, eine Verbindung zur Welt und zu Menschen zu haben, die mich lieben. «Ich fühle mich wie ein Schiff ohne Anker» ist ein Satz, den ich in diesem Zusammenhang oft höre.

Was haben Sie in den vergangenen zwölf Jahren beim doch eher ungewöhnlichen Haare schneiden gelernt?

Ich bin viel der Frage nachgegangen, was uns überhaupt noch Halt gibt, wenn wir alles verloren haben. Was gibt mir selbst Halt? Einer meiner Kunden hat mir aber auch einmal gesagt: «Alles geht immer weiter, es gibt gar keinen Halt. Ich lebe von Tag zu Tag.»

Was möchten Sie mit diesem Film erreichen?

Dass man diese Menschen anders anschaut. Jede Geschichte hat irgendwo ihren Ursprung. Auch wäre es schön, wenn mehr Begegnungen stattfinden würden. Und dass diejenigen, die einmal Kleider spenden und denken, damit sei es getan, stattdessen in eine Beziehung mit den Menschen treten. Und dass man die Menschen gerne bekommt im Verlauf des Films.

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