Kaserne Basel

Politischer Tanz aus dem Süden der Welt

Was kann die Kunst in Afrika oder im Nahen Osten? Antworten darauf liefern zwei Produktionen in der Kaserne Basel.

Die Kaserne Basel ist im Doppelpack ins neue Jahr gestartet. Mit zwei Tanzperformances, die beispielhaft sind für das Netzwerk des Theaterhauses. Die Künstlerinnen und Künstler gehören zu den Stammgästen, die Produktionen sind in Kooperation mit Produzenten in Kairo, Johannesburg, Lubumbashi, Kisangani und Brüssel entstanden.

Gemeinsam sind den beiden Stücken die kurze Dauer von je 45 Minuten und die künstlerischen Mittel: Tanz, wenig Musik und viel Sprache. Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie aus Kulturkreisen stammen, deren soziale und politische Gegenwart die meisten Besucher nur aus den Medien kennen.

Da ist zum einen Dorine Mokha mit seinem Solo «Entre Deux III: Testament». Der 30-jährige Tänzer, Choreograf, Autor, Literatur- und Rechtswissenschafter lebt und arbeitet in der Demokratischen Republik Kongo, in Kisangani und Lubumbashi. Zu Beginn seiner Performance nimmt ein Video den Besucher mit auf eine Autofahrt durch diese Weltgegend.

Vor der Leinwand sitzt der Künstler an einem Tischchen mit Laptop und Schminkzeug. Aus dem Off spricht seine Stimme einen lyrischen Text, mit dem er sich in diesem Land zu verorten sucht: «Ich bin zwar da, zwischen euren Strassen, Kirchen, Flughäfen und Hotels. Aber wer bin ich eigentlich? Wer sind die anderen? Bin ich nicht bloss eine Art Zwischending?»

Was er damit meint, wird in der nächsten Szene klar. Auf High-Heels mimt er die Königin dieser Nacht. Es könnte der Beginn einer Drag-Queen-Show sein. Ist es aber nicht. Der feingliedrige Mann mit den Rastas unterbricht seine laszive Nummer. Er rede lieber darüber, worüber man reden sollte, wenn schon ein kongolesischer Künstler auf der Bühne steht: über leere Teller, die Korruption, den Krieg, die Kolonisation oder die Silberminen.

Und auch über die seiner Ansicht nach grösste Epidemie im Land, die grassierende Homophobie, die psychische und physische Gewalt, die Verbrennungen und Steinigungen, denen die LGTBQ-Gemeinde ausgesetzt ist. Im Kongo wird nicht wie in der Schweiz über den Schutz derselben vor Diskriminierung abgestimmt. Es wird darüber diskutiert, ob nicht doch Gefängnisstrafen eingeführt werden sollen.

Aus diesem Kontext heraus entwickelt sich die Performance des schwulen Künstlers zu einem Pamphlet für sein Anderssein und für Toleranz. «Wer nicht mit uns geschlafen hat, werfe den ersten Stein», sagt er und ruft sein Heimatland und die Eltern dazu auf, ihre verstossenen Kinder endlich heimzuholen. Das ist wichtiger Inhalt, in wenig Kunst verpackt.

Ein Statement für die Kraft der Kunst

Sehr kunstvoll ist die zweite Performance. Der südafrikanische Choreograf Boyzie Cekwana und die libanesische Performerin Danya Hammoud versammeln in «Bootlegged» ihr Publikum um eine kreisrunde weisse Tanzfläche. Auch hier kommt der Text aus dem Off. Leise stellt er die Frage, was das überhaupt ist: in diesem Kreis zu stehen, eine Geschichte zu erzählen, die von diesem oder jenem handeln könnte, vielleicht gar von nichts.

Zu diesem Epilog stehen Cekwana und Hammoud nahe beieinander, minimale Bewegungen, Slow-Motion. Der Text schlägt ins Humoristische. Ihre Stimmen Kalauern darüber, welche Missverständnisse in einem solchen Kulturaustausch entstehen könnten. Dazu kriechen und robben beide Körper über die helle Fläche, als ob sie von der Bürde, hier aufzutreten, niedergedrückt würden.

Es folgt ein hinreissender Paartanz zu Marvin Gayes «Oh, merci me», «Erbarme Dich meiner». Es bleibt das einzige Musikstück an diesem Abend.

Danach tanzt Hammoud solo, ohne Musik, dafür zu einem Text, der es in sich hat. Sie spielt den Gedanken durch, wie es wäre, die Eltern oder die Kinder umzubringen. Oder was sonst könnte heute noch revolutionär sein, in einer Zeit, in der «sowohl Eltern wie Kinder sich daran beteiligt haben, das Heilige durch öffentliche Pisswettbewerbe zu verraten?».

Das fragt eine Künstlerin, die das Scheitern des Arabischen Frühlings hautnah miterlebt hat. Vielleicht ist es ja die Bewegung des Beckens, sagt sie. Vielleicht sei dieser Körperteil ja der wahre Gott in Ost und West, das einzige, woran wir uns halten könnten, während rundherum die Welt zusammenkracht.
Vielleicht könnte es ja die Kunst sein, die uns rettet, dann wenn alle falschen Nachrichten, falschen Haare und falschen Orgasmen ihren Reiz verloren hätten.

Und während ihre Stimme aus dem Off all dies sagt, demonstriert die Tänzerin, was sie damit meint. Stolz ermächtigt sie ihren Körper zum Tanz. Cekwana gesellt sich dazu. Beide haben ihre ureigene Körpersprache und gehören doch zusammen. Tanzen heisst hier, bei sich zu sein. Es ist, als ob die Musik dazu hörbar wäre.

Die gemeinsame Programmation der beiden Stücke ist ein Glücksfall, da sie sich ergänzen. In beiden geht es um die Freiheit des Individuums. Im Weltsüden muss diese konsequent erkämpft werden. Das ist eine wertvolle Lektion. Etwas irritierend ist, dass die arabische und afrikanische Community im Kleinbasel solche Programme noch nicht für sich entdeckt hat.

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