Kultur

Dieser Autor legt gerne falsche Fährten

Markus Bundi: Gedankenexperimente.

Markus Bundis neues Buch ist ein wunderbar ideenreicher, dichter Erzählband – mit ein paar bösen Pointen auf die künstliche Intelligenz.

Bei diesem Schriftsteller muss man als Leser dauernd auf der Hut sein. Markus Bundi zwingt zum genauen und am besten zweifachen Lesen. Er legt nämlich schelmisch falsche Fährten und treibt oft ein doppeltes Spiel mit der Erzählerstimme: Da spricht mal ein Säugling, dann ein dunkles Kollektivbewusstsein, und ein Krankenpfleger erzählt plötzlich so geschraubt wie ein Professor. Da kann man sich also auf ein üppiges intellektuelles Menü freuen, literarisch verspielt, und ja: etwas sperrig.

Dieser Hosenscheisser hätte einen Roman verdient

Dass die Auftakterzählung nach acht Seiten schon zu Ende ist, muss man bedauern. Damit hätte Bundi auch einen Roman beginnen können. Denn über diesen Walle hätte man gerne viel mehr gelesen. Dieser altkluge, schnoddrige, knapp zweijährige Hosenscheisser, der als Wiedergänger bühnenreif auftritt und sein Lesepublikum begrüsst: «Da bin ich wieder … wie beim letzten Mal.» Abgeklärt verspottet er das übereifrige Getue seiner Eltern, braucht keinen Nuggi und nervt sich über das infantile Quietschentchen, mit dem ihn sein Vater in der Badewanne zum Lachen bringen will.

Schliesslich ist das nicht das erste Mal, dass Walle geboren wurde. Er bringt sein Wissen aus seinem früheren Leben mit – bis zur «Einvernahme». Denn Markus Bundi gibt seiner Erzählung einen wunderbaren Dreh. Walle nämlich weiss: Mit zwei Jahren wird er zwar die Sprache erlernt haben, verliert aber im Gegenzug die Erinnerung komplett. Das Weltwissen ist dann jedenfalls wieder weg. Diese literarisch ergiebige Fundgrube wäre auch ein tolles Romanthema voller Tragikomik. Man hätte wie gesagt gerne mehr über diesen Walle erfahren, auch wenn Ian McEwan mit «Nussschale» und Charles Lewinsky mit «Andersen» erst vor wenigen Jahren zwei Romane über genau solche altklugen wie manipulativen ­Babys veröffentlicht haben.

Nur eben: Zwar hat der Septime-Verlag unter dem Motto «Versuchen wir es doch mal mit Erzählungen» das Ziel, die Kurzprosa populärer zu machen, «um den Kampf mit schnellen Medien wie Youtube oder Netflix aufzunehmen». Aber Markus Bundi ist kein Autor, der gefällige Kurzgeschichten beisteuert, die leicht zu konsumieren, schnell zu verstehen und rasch wieder vergessen sind. Auch wenn seine titelgebende Erzählung den knalligen Titel trägt «Der Junge, der den Hauptbahnhof Zürich in die Luft sprengte». Darauf wird sich der Leser als Erstes stürzen und schnell merken: Ja, da geht es um Islamismus, aber vor allem um Voreingenommenheit von Presse, Gericht und Öffentlichkeit – Markus Bundi führt mit seiner Minigroteske die Leser vielleicht etwas überdeutlich an der Nase herum.

So kompakt, dass man vieles zwei Mal lesen muss

Viele seiner Kurzgeschichten muss und soll man zwei Mal lesen, so szenisch kompakt, von hoher Präzision, fast atemlos, ist die Sprache eingesetzt. Etwa in «Ein Buckliger», wo Markus Bundi auch noch ein spiegelbildliches Verwirrspiel mit Erzähler, Autor und der Figur eines bettelnden Buckligen treibt. Der Bucklige ist wie der Autor um die 50 Jahre alt, geht mit Schieflage, die Zürcher Trams fahren als züngelnde Schlangen vorbei und Sätze wie «wer ganz bei sich ist, hat das Jetzt aus dem Blick verloren» signalisieren ein literarisches Vexierspiel, das sich auflöst im Satz: «Immer wenn jemand von mir liest oder hört, werde ich zum Leben erweckt…Der Bucklige, das bin ich.» Das ist wie viele andere Erzählungen raffiniert gemacht, auch wenn man es erst beim zweiten Lesen verstanden hat.

Mit bösen Pointen auf die künstliche Intelligenz

Konventionelle Erzählformen sprengt der Aargauer Autor mit Lust und Variationsreichtum. Nur übertreibt er immer wieder die Verdichtung. Der erzählerische Schwung wird in einigen Erzählungen von der philosophischen Ideenlast erdrückt. Lässt man sich aber darauf ein, so liest man die das Identitätsthema variantenreich umkreisenden Erzählungen mit Gewinn. Besonders gelungen sind zwei Stücke über künstliche Intelligenz: Mit einer bösen Pointe lässt Bundi seine Figur den Tod seines besten Freundes, des Roboters ohne Unterleib «Ting» (wie englisch thing) bedauern. Und in «Wir sind die Wandler» wirken ebendiese Wandler in einem Warenhaus als «Gespür des Kollektivs» und als unsichtbare Manipulatoren des kollektiven Bewusstseins – deren Gehirnwäsche und Dauerüberwachung fatal an Google und Facebook erinnern.

Sprachlich gerät manches gelehrt und gestelzt

Markus Bundi streut in seine Texte, die mehr Gedankenexperimente als Erzählungen sind, auch leichtere Kost: Da ist von Meerjungfrauen als Ersatzgöttinnen nach der Aufklärung die Rede, man erfährt, warum wir zum Fünf-Franken-Stück «Fünfliber» sagen (kommt vom französischen «livre») und man taucht in die skurrile Online-Spionagewelt einer Headhunter-Agentur ein. Dass Bundi ein Sprachverliebter ist, weiss jeder seiner Leser. Immerzu spricht in seinen neuen Erzählungen jemand zum Leser, der sich nicht gleich zu erkennen gibt. Dieser Rollenwechsel macht den Band interessant und zur sprachdetektivischen Herausforderung. Manchmal übertreibt es Bundi. Man nimmt etwa einem Lastwagenchauffeur und Altenpfleger, der keine Bücher liest, gerne den Satz ab: «Ich hänge ziemlich in den Seilen», wundert sich aber über den manierierten Ton, wenn er sagt: «Ich hielt die sich manifestierende Verwesung nicht mehr aus.» Dass er dabei die Erzählsprache seines alten Freundes, des Literaturfans Beppo, nachahmt, mag man nachvollziehen. Trotzdem wirkt es so gestelzt, als hätte da unpassenderweise Thomas Mann gesprochen. Und wenn man «Autodafé» statt Ketzer- und Bücherverbrennung schreibt, muss wohl so mancher Leser ironischerweise googeln.

Ein reiner Erzählband ist das Buch nicht. Platz hat auch eine Reisereportage durch Israel und Jordanien, die bereits 2000 in der Aargauer Zeitung erschienen ist. Knapp die Hälfte der anderen Texte ist seit 2002 in verschiedenen Zeitschriften erschienen. Der Grossteil der Erzählungen jedoch sind Erstveröffentlichungen. Dazu gehören auch die oben erwähnten «Ein Buckliger», «Der Junge, der den Hauptbahnhof Zürich in die Luft sprengte» und «Die Einvernahme».

Markus Bundi: «Der Junge, der den Hauptbahnhof Zürich in die Luft sprengte». Septime, 138 S.

Autor

Hansruedi Kugler

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