«Sie werden mich schon erkennen», sagt Helen Issler, bevor sie das Telefon auflegt. Am nächsten Tag spazieren wir zum Eingang des Landesmuseum-Parks in Zürich. Und von Weitem ist die blau gekleidete Frau bestens zu erkennen. Als bekanntes Gesicht von «DRS aktuell» (heute «Schweiz aktuell») kann sie sich nicht verstecken. Fürs Interview setzen wir uns auf eine Bank an der Limmat in die Sonne. Von hier nimmt Helen Issler oft das Limmatschiff.

Braucht es in Beiträgen von Schweizer Fernsehen eine Geschlechter-Quote, damit mehr Frauen zu Wort kommen?

Ich finde den Vorschlag gut. Die Redaktionen sollten einen grösseren Kreis an Expertinnen und Experten berücksichtigen. Denn es müssten endlich zwei Dinge anerkannt werden: Erstens sind etwas mehr als die Hälfte der Menschen Frauen und zweitens haben immer mehr Frauen Expertenwissen.

Frauen moderieren Wirtschafts- und Politmagazine, Newssendungen und erstmals steht eine Frau SRF vor. Wo liegt denn noch das Problem?

In den Beiträgen. Ich bleibe beim Expertenwissen. Kaum eine Sendung ist denkbar ohne. In den allermeisten Fällen sind das aber Männer.

Wie kommt es zu dieser einseitigen Auswahl durch die Redaktionen?

Das wird auf Ihrer Redaktion nicht anders sein: Es kursieren Namen von Experten, mit denen man gute Erfahrungen gemacht hat. Diese werden immer und immer wieder angefragt, ihre Namen verfestigen sich in den Köpfen der Journalistinnen und Journalisten. Weil früher noch weniger Frauen solches Expertenwissen hatten als heute, führt diese Kaskade zu einem Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern, es verzerrt aber auch die Wahrnehmung.

Inwiefern?

Man weiss das ja aus der Teamarbeit. Gemischte Teams erarbeiten bessere Lösungen. Im Allgemeinen agieren Frauen auch vorsichtiger als Männer und sie geben sich mit den Vor- und Nachteilen von Entscheiden seriöser ab.

Haben Sie Ratschläge, was sich für mehr Frauen am Bildschirm tun lässt?

Die Redaktionen müssen wie erwähnt, ihren Radar öffnen, immer wieder neue Expertinnen und Experten anfragen. Als Hilfe haben wir bei Alliance F eine Liste erstellt mit Namen. Es gibt sie online unter sheknows.ch.

Wie haben Sie damals für mehr weibliche Gesichter gesorgt, als Sie das Technik-Magazin MTW leiteten?

Wir wollten vor allem Forscherinnen porträtieren, zeigen, dass die Forschung auch weiblich ist. Doch das war gar nicht so einfach.

Wo lagen die Probleme?

Bei den Chefs der Forscherinnen zum Beispiel. Ich erinnere mich an den einen Fall. Alles war bereit, wir wollten die Forscherin bei ihrer Arbeit begleiten. Doch vorher rief sie mich an und sagte, ihr Chef wolle an ihrer Stelle vor die Kamera, sie könne das Interview nicht geben. Wir wollten sie, ihr Chef drängte sich vor, das fand ich eine Frechheit. Es brauchte einiges an Überzeugungsarbeit – und ich setzte mich durch.

Wie überzeugten Sie den Mann?

Ich schlug ihm eine Drehsequenz vor, bei der auch er im Bild zu sehen war. Dieser Mann mochte mich deshalb bestimmt nicht leiden, doch es kam gut, die Forscherin legte einen tollen Auftritt hin. Wir kriegten, was wir wollten.

Mit Nathalie Wappler steht nun eine Frau an der Spitze von SRF. Ende gut, alles gut, könnte man sagen.

Natürlich ist das eine grosse Chance und ich freue mich sehr. Doch es hat noch nicht genug Frauen in Spitzenpositionen der Wirtschaft und Politik. Und der Fakt, dass im Bundesrat die weiblichen Mitglieder allesamt kinderlos sind, spricht Bände. Mütter tragen wegen der Mutterschaft Lücken in ihrer Arbeitsbiografie mit sich. Die Mutterschaft ist nach wie vor eine Bürde für eine Karriere.

Sie selbst haben Kinder und machten bei SRF trotzdem Karriere. Wie stellten Sie das an?

Da mogelte ich mich durch, es gab ja noch keine Kitas. Das ging nur dank der Hilfe meiner Eltern, Schwiegereltern und Nachbarn, die unsere Töchter hüten konnten. Ich muss aber betonen. Als die Kinder klein waren, war ich noch in keiner Chefposition. Ich ging aber auch damals zeitweise arbeiten, was wichtig ist, denn sonst verliert man den Anschluss. Dazu fällt mir ein: Nach meinem ersten Mutterschaftsurlaub kam ich zurück zur Arbeit. Dort fragte mich ein neuer Mitarbeiter. «Wessen Freundin bist denn du?» Glaubte der doch tatsächlich, ich sei nur Dank eines Freundes zu einem Auftrag gekommen. Dem Typen bin ich danach aber gehörig auf die Füsse getreten (lacht).

Der Blick zurück: Helen Issler im Studio von «DRS aktuell» ungefähr 1982 (heute «Schweiz aktuell»).

Gab es denn einen solchen Job-Basar?

Natürlich. Und das gibt es doch bis heute, überall. Es waren aber nicht nur Chefs, die das taten, sondern auch Frauen. Ich erinnere mich an eine Lesbe beim Schnitt, die ihren Partnerinnen Jobs zuschanzte.

Welche Überlegungen spielten denn eine Rolle, wenn es darum ging, beim Fernsehen eine Frau oder einen Mann anzustellen?

Ich war ja lange Zeit Mitglied der Moderationskommission. Und gerade in der Moderation war es lange Zeit so, dass an Frauen bezüglich Aussehen viel höhere Anforderungen gestellt wurden.

Machen Sie ein Beispiel?

Das Fernsehen suchte nach neuen Wetterfachleuten. Man hat uns (der Moderationskommission, Anm. d. Redaktion) zwei Kandidaten vorgelegt. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, der Mann sah aus wie ein Waldschratt. Die Frau aber war recht gut aussehend, wenn auch keine betörende Schönheit. Doch wer fiel beim Publikum durch? Sie. Wahrscheinlich, war sie doch nicht hübsch genug. Sie gab diesen Job dann auch rasch wieder auf. Es sind also nicht nur die Chefs mit ihren Vorstellungen, es ist auch das Publikum.

Woher kommt das?

Das rührte aus einer Zeit, in der Frauen noch TV-Ansagerinnen waren, die Blümchen sozusagen. Private Stationen fingen dann ja an, eigentliche Pin-ups vor die Kamera zu stellen, was gut war für die Quote. Das war bei den «Wetterfeen» früher ähnlich. Die Frau aber, von der ich vorhin sprach, war Meteorologin. Doch das wurde nicht respektiert, ihr Aussehen war wichtiger als ihre Fähigkeiten.

Und der Waldschratt?

(lacht) Der ist lange geblieben und hat sich als Original etabliert.

Wie ein Muotathaler Wetterschmöcker?

Genau, solche Typen waren okay, die Frau aber sollte ein Supermodel sein.

Wie war das bei ihren Chefs beim Fernsehen? Gab es da ein Art Machismo?

Das Wort gefällt mir nicht so. Aber es gab schon sehr selbstsichere Männer beim Fernsehen. Einige Chefs entschieden im Alleingang, wenn sie etwas vor der Kamera sagen wollten. Sie trauten sich das zu, auch ohne dafür ausgebildet worden zu sein. Niemand stoppte solche Chefs. Und so viel kann ich ihnen sagen: Es kam gar nicht immer gut heraus. Logisch, sie hatten ja auch keine Ausbildung dafür.

Aber eine gute Portion Narzissmus?

Genau. Und sie wollten sichtbar sein. Denn Fernsehpublizität verhilft zu Ämtern, zum Beispiel politischen. Es gab ja einige Wechsel von ehemaligen SRF-Männern in den Nationalrat. Manche waren besser beim Fernsehen, andere weniger gut.

Möchten Sie Namen nennen?

Nein, nein. Wo denken Sie hin?

Mal ehrlich, waren Sie nie das Schätzchen vom Dienst?

Doch, natürlich, als ich ganz jung war schon. Einmal schrieb mir ein Zuschauer: «Das war aber heftig, was Sie da sagen mussten.» Dabei war das ja mein Text. Mein Vorteil war, dass ich für Informationssendungen wie die Sendung «Antenne», DRS respektive Schweiz aktuell und MTW arbeitete. Bei der Information hatte man ja eine andere Rolle als im Unterhaltungssegment.

Dort blieb man als Frau das Mauerblümchen?

Ja, eher. Heidi Abel zum Beispiel. Von ihrem Image als Ansagerin kam sie zeitlebens nie los. Das ist wahnsinnig schade. Sie war der grösste Star, den das Schweizer Fernsehen je hatte. Aber ihre Chefs in der Unterhaltung damals hielten sie klein.

Und Sie?

Ich war die erste Reporter-Volontärin in der Information, damals bei der «Antenne». Für mich war von Beginn weg klar, ich würde nicht in die Unterhaltung gehen, mein Ziel war Journalistin. Dann hatte ich früh Kinder und als ich danach wieder richtig einstieg, war wohl die Zeit reif für eine Chefin bei «DRS aktuell» (heute «Schweiz aktuell», Anm. d. Redaktion). Ich fand das grossartig, doch es war auch anstrengend und ich musste mich hin und wieder durchsetzen.

In der Fernseh-Männerwelt?

Das war sie natürlich. Die Männer waren sich dann oftmals einig, dass ihre Weltsicht die richtige war. Wir Frauen haben manchmal gesagt, «die Buben haben sich wieder zusammengetan». Aber ich muss auch sagen, ich kann mich nicht beklagen, irgendwann in irgendeiner Form misshandelt oder belästigt worden zu sein.

Um sexuelle Gewalt ging es in der Me-Too-Debatte. Es gab Berichte über Sexismus und Übergriffe in der Medienbranche. Gab es bei Ihnen keine solchen Grenzüberschreitungen?

Doch, die gab es auch, aber keine Gewalt, keine wirklichen Übergriffe. Einmal wurde ich als Volontärin von einem älteren Mitarbeiter einer anderen Organisation geschäftlich zum Mittagessen eingeladen. Im Restaurant fragte er mich gerade hinaus, ob ich nicht Lust hätte, seine Geliebte zu werden. Da war ich baff. Er hatte alles schon geplant, wusste genau, in welchem Zimmer wir uns treffen könnten.

Ging es hierbei um ein Machtgefälle? Waren Sie in irgendeiner Art abhängig von dem Mann?

Nein, der Mann war wohl bereits um die 60, aber kein Vorgesetzter. Und ich konnte mich ja zur Wehr setzen. Wäre er ein Vorgesetzter gewesen, hätte ich ihn verpfiffen, ganz klar. Der Umgang meiner Oberen war manchmal vielleicht eher väterlich. Das nervte aber auch.

Gab es viele Kommentare, die auf Ihr Äusseres zielten?

Ja, die gab es. Sowohl von Zuschauern als auch intern. Einer meiner Chefs sagte einmal, ich sei hübsch genug, um den Männern zu gefallen, aber doch nicht so schön, um Neid bei anderen Frauen zu erzeugen. Damit konnte ich gut leben! Einmal schrieb mir eine Zuschauerin, ich solle keine quer gestreiften Pullis anziehen, das würde meinen sowieso schon breiten Mund betonen. Ein anderes Mal schrieb mir ein Zuschauer, ich hätte unmöglich ausgesehen vor der Kamera.

Wie reagierten Sie auf solche Dinge?

Ich habe oft gelacht. Dem einen Zuschauer antwortete ich, er solle mir doch seinen Lebenslauf mitsamt Ganzkörper-Foto von sich schicken. Und wenn er so viel besser als ich sei, dann würde ich gerne mal die Rollen mit ihm tauschen.

Sehen Sie sich eigentlich als Feministin?

Ich sehe mich noch immer primär als Journalistin. Danach bin ich Feministin. Es bedeutet, dass ich mich für die Gleichstellung der Geschlechter einsetze. Das beinhaltet auch anzuerkennen, dass Frauen, die Kinder gebären, eine andere Biografie haben als Männer. Darauf ist Rücksicht zu nehmen. Und auch auf die heute älteren Frauen, deren Chancen noch viel kleiner waren.

Beruflich lebten Sie quasi die Gleichstellung. Und privat?

Mässig. Mein erster Mann und ich haben uns nach 15 Jahren auseinandergelebt, und das hat auch mit dem Thema Gleichstellung zu tun. Er arbeitete für ein amerikanisches IT-Unternehmen. Bei der Firma war es Tradition, dass sie Ende Jahr die Ehepartnerinnen einlud und sie reich beschenkte dafür, dass sie so viel verzichteten auf ihren Mann und Vater ihrer Kinder. Das war nicht meine Welt, aber immer mehr die seine. Wir gingen dann in Einklang auseinander, wohnten aber noch jahrelang im selben Haus, bis unsere Töchter erwachsen waren. Danach trennten sich unsere Lebenswege.

Und nun?

Auch mein jetziger Partner ist nicht besonders aktiv im Haushalt und kann nicht kochen, aber wir begegnen uns absolut auf Augenhöhe. Und das passt schon!